Machen Minen wirklich “Klick”? Der Mythos der Antipersonenmine in Hollywood
Autor: Markus Schindler
Die Luft ist von Spannung durchdrungen, als die Sonne langsam untergeht. Eine kleine Gruppe von Soldaten bahnt vorsichtig ihren Weg durch das vom Krieg verwüstete Feld. Jeder Schritt ist überlegt und jede Bewegung genaustens kalkuliert. Sie wurden vor der Gefahr von Landminen gewarnt, aber die Dringlichkeit ihrer Mission lässt ihnen keine andere Wahl, als das gefährliche Terrain zu durchqueren.
Um die Angst in Schach zu halten, summt Gefreiter Jackson, der jüngste im Trupp, eine Melodie seiner Heimat. Als er einen weiteren Schritt geht, ertönt ein leises, unmissverständliches Klicken unter seinem Stiefel. Das Summen stoppt abrupt und wird von einer beissenden Stille ersetzt. Alle erstarren.
“Verdammt”, zischt Jackson. Sein Gesicht erblasst. Er braucht nicht hinunterzuschauen, um zu wissen, was gerade passiert ist. Das Gewicht seines Fusses hat eine Landmine aktiviert, ein mögliches Fortschreiten wird sie wahrscheinlich detonieren lassen.
“Niemand bewegt sich!”, befiehlt Feldwebel Mitchell mit tiefer und fester Stimme. Er weiss, dass Panik ihr grösster Feind ist.
Jacksons Augen blitzen umher und Schweiss bildet sich auf seiner Stirn. “Mitch, was soll ich tun?”, fragt er mit zittriger Stimme.
“Bleib ruhig, Jackson”, antwortet Mitchell. “Wir werden dich da rausholen.”
Unteroffizier Diaz, der Sprengstoffexperte des Trupps, nähert sich äusserst vorsichtig. “Mitch, wenn er seinen Fuss anhebt, wird diese Mine explodieren. Wir brauchen etwas, um den Druck zu ersetzen.”
Mitchell nickt und ist schnell bei der Besinnung. “Ramirez, hol’ die Sandsäcke aus dem Rucksack. Wir werden versuchen, das Gewicht auszugleichen.”

Ein Szenario, ähnlich wie das oben beschriebene, findet sich so oder ähnlich in unzähligen Kriegsfilmen. Die Vorstellung, dass eine Mine detoniert, sobald der Druck des Fusses einer Person nachlässt, verleiht ihr ein dramatisches Element. Sobald ein Soldat auf eine Mine tritt, steigt die Spannung der Szene stetig. Das kann eine wirklich gute Geschichte ergeben, sei es, um die starken Bande der Freundschaft und Brüderlichkeit zwischen tapferen Soldaten zu zeigen (wie in Monuments Men – Ungewöhnliche Helden (2014), The Boys in Company C (1978) usw.) oder die Rücksichtslosigkeit und den Zynismus der Bösewichte (wie in Im Fadenkreuz – Allein gegen alle (2001)). Es gibt sogar Filme, die ganz diesem Klischee gewidmet sind, wie Landmine Goes Click (2015), Mine (2016) und No Man’s Land (2001).
Aber was ist von all dem zu halten? Gibt es wirklich ein leises “Klicken”, das von Minenherstellern aus Höflichkeit eingebaut wird, damit eine Person weiss, dass sie bald sterben wird und ihr letztes Gebet sprechen kann oder, noch besser, von ihren Kameraden gerettet werden kann? Und funktionieren Minen wirklich so, dass sie nur dann detonieren, wenn der Fuss einer Person angehoben wird?

Klingt dies zu schön, um wahr zu sein? Das liegt daran, dass es nicht der Realität entspricht.
Denken Sie darüber nach: Das Ziel der Militäringenieure, die Landminen einsetzen, und der Waffenhersteller, die sie produzieren, besteht darin, ein Gerät zu schaffen, das den Feind daran hindert, in ein Gebiet einzudringen, oder ihn zumindest zuverlässig verlangsamt. Offensichtlich wird dies am besten mit einer Mine erreicht, die einen Soldaten unverzüglich verletzt, anstatt es ihm zu ermöglichen, ungeschoren davonzukommen.
In der Realität werden Antipersonen-Minen normalerweise durch Druck, eine Stolperdrahtvorrichtung oder per Fernzündung aktiviert. Der häufigste Typ, die Sprengmine, wird flach vergraben und durch mindestens 5 bis 16 Kilogramm Druck (je nach Sensor) auf ihre Druckplatte ausgelöst. Sobald eine Person darauf tritt, explodieren sie unmittelbar. Die Explosion ist stark genug, um schwere oder sogar tödliche Verletzungen zu verursachen.

Die in Hollywood-Filmen verwendeten Minen sind eine Erfindung der Filmindustrie, um für Drama und Spannung zu sorgen.
Es existieren allerdings einige Arten von Minen und Minenkonfigurationen, die zu einer verzögerten Explosion führen. So haben zum Beispiel Springminen wie die deutsche S-Mine aus dem Zweiten Weltkrieg (“Bouncing Betty”) eine kurze Zeitverzögerung, bevor sie in die Luft geschossen werden, wo die Hauptladung detoniert (auch diese erzeugen aber keinen “Klick”-Ton, um Soldaten zur Deckung zu veranlassen).

Es gibt auch Panzerabwehrminen, bei denen der Druck (von mehr als 115 kg) nicht nur einmal, sondern zweimal ausgeübt werden muss. Solche Vorrichtungen werden Doppelimpulszünder genannt und dienen mehreren Zwecken, zum Beispiel um einer vorzeitigen Zerstörung durch mit Minenrollen ausgerüstete Panzer zu entgehen, um den führenden Panzer einer Kolonne vom Rest abzuschneiden, indem der zweite Panzer ins Visier genommen wird, oder um Panzer tief in ein Minenfeld zu locken, bevor die erste Mine explodiert.
Darüber hinaus gibt es Druckfreigabevorrichtungen. Diese sind jedoch in der Regel an einer Mine angebracht, die ebenfalls durch Druck ausgelöst wird. Das Ziel des – zusätzlichen – Entlastungszünders besteht darin, den Minenräumer ins Visier zu nehmen, der versucht, die Mine anzuheben.
Selbstverständlich hat keine dieser sehr realen Minen etwas mit Hollywood-Minen zu tun. Es gibt jedoch einige packende Filme, die tatsächlich die düstere Realität von Minen zeigen. Dazu gehören herausragende Filme wie Unter dem Sand (2015) und Kajaki (2014). Beide Filme beruhen nicht nur auf wahren Begebenheiten, sondern zeigen die erbarmungslose Natur der Minen mit erschreckender Ehrlichkeit. Die bedauerliche Realität ist: Sobald man auf eine Mine tritt, ist es bereits zu spät.

Für die meisten von uns hat die falsche Darstellung von Minen in Hollywood keine anderen Folgen als einen cinematischen Nervenkitzel. Für Menschen, die in von Minen betroffenen Ländern leben, stellt sich die Situation jedoch ganz anders dar. Diese irreführende Darstellung kann ein falsches Gefühl der Sicherheit erzeugen, weil man nicht versteht, wie diese Geräte tatsächlich funktionieren, was zu tödlichen Unfällen führen kann.
Hier kommt die Risikosensibilisierung ins Spiel. Organisationen wie die FSD geben sich grösste Mühe, Mythen zu zerstreuen und die Bevölkerung über die realen und unmittelbaren Gefahren von Landminen und Blindgängern aufzuklären.
Diese Aufklärung ist nicht nur eine theoretische Übung, sondern eine lebensrettende Massnahme, die die Zahl der Unfälle und Todesfälle in von Minen betroffenen Gebieten verringert.
In einer Welt, in der Fehlinformationen genauso gefährlich sein können wie die Minen selbst, ist die Arbeit von Aufklärern von unschätzbarem Wert. Sie dient als entscheidende Gegenstimme zu den Hollywood-Mythen und stellt sicher, dass gefährdete Bevölkerungsgruppen besser darauf vorbereitet sind, sich mit den realen Gefahren zurechtzufinden, die unter ihren Füssen lauern.
Wie wird man Minenräumer·in?
Verschiedene Profile für eine effektive Minenräumung Die Minenräumer·innen kommen aus allen Bereichen: Landwirt·innen, Lehrer·innen, Informatiker·innen… Viele von ihnen haben durch…
Humanitäre Minenräumung Irak
Touristische Ziele, die noch immer von den Narben des Krieges gezeichnet sind
Weltweit ist fast jedes dritte Land betroffen, darunter vor allem Südostasien, Nord- und Zentralafrika, Zentralasien sowie Lateinamerika. Dem Landmine Monitor…
Minen und explosive Kampfmittelrückstände Humanitäre Minenräumung Kolumbien Irak Sri Lanka
Über die Minenräumung hinaus: Vorbereitung für die Übergabe der Verantwortung
Angesichts dieser Realität ist die FSD mit Unterstützung der Schweiz an zwei Fronten tätig: Einerseits räumt sie Minen, andererseits bereitet…
Humanitäre Minenräumung Kinder Prävention und Risikoaufklärung Ukraine