«Wir haben alle mindestens ein altes Hufeisen gefunden»

1 August 2021

Deminers-anecdotes,-Igor

Im Osten der Ukraine, genauer gesagt in der Donbass-Region, sind derzeit rund 20 Minenräumer der FSD im Einsatz. Seit 2014 herrscht hier bereits ein bewaffneter Konflikt. Roman, Stanislav und Igor gehören zu dem Team, das in Stara Mykolaivka eingesetzt wird. Vor einigen Jahren diente dieser Ort noch als Munitionslager für die ukrainische Armee. Am 25. Mai 2018 wurde das Lager durch Artilleriebeschuss getroffen, was zu einer gewaltigen Explosion führte. In Folge dieser, wurde Munition auf die umliegenden Feldern geschleudert. Ende 2020 begann die FSD dann mit der Räumung des Gebiets. Bis heute konnten die Minenräumer 326 Sprengsätze entschärfen. Lernen Sie Roman, Stanislav und Igor mitsamt ihren unglaublichen Anekdoten kennen.  

Es ist 9 Uhr morgens in Stara Mykolaivka am Freitag, dem 9. Juli. Der Tag für unsere Entminer ist schon in vollem Gange. Wie jeden Sommermorgen treffen sich die Teammitglieder um 5.30 Uhr beim Büro, um vor der eintretenden Hitze die Ausrüstung vorzubereiten: Detektoren, Schutzkleidung, Werkzeuge und Markierungen. Um 6.30 Uhr, nach der routinemässigen Einweisung durch den Teamleiter, sind alle bereit loszulegen.

What remains of the ammunition depot after its explosion
Überreste des Munitionslager nach der Explosion

«Ganz ehrlich, sehen Sie sich doch mal diese Landschaft an! Wer träumt denn nicht von solch einem Arbeitsplatz?», lächelt Stanislav und zeigt dabei auf die vor ihm liegende Blumenwiese über der ganze Schwärme weißer Schmetterlinge fliegen. Doch auch rote Dreiecke mit Totenköpfen sind hier zu sehen, welche die Position von möglichen Sprengsätzen für spätere Ausgrabungen markieren.»

«Für mich ist das Aufspüren von Gegenständen mit dem Metalldetektor schon seit langem ein Hobby: Ich habe drei verschiedene Detektoren zu Hause: Früher habe ich vor allem nach Münzen aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht», sagt der 41-jährige ehemalige Polizeibeamte. Und dann habe ich mir eines Tages gedacht, warum ich das nicht zu meinem Beruf machen sollte?» Seit 2017 ist Stanislav nun bei der FSD.  

red triangle is placed on the ground
Sollte der Metalldetektor einen Ausschlag geben, wird ein rotes Dreieck auf dem Boden platziert.

Dieser Beruf ist natürlich mit einem gewissen Risiko behaftet. Jedes Stück Munition kann schnell zur Gefahr werden. Um einen reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können ist es unerlässlich, stets beste Tugenden an den Tag zu legen. „Man muss permanent konzentriert und auch diszipliniert bleiben. Ich empfinde es jedoch komischerweise als weniger stressig als noch in meinem alten Job als Werkstattleiter», sagt Roman, 41. Bei der Minenräumung konzentriere ich mich auf die im Sicherheitsprotokoll festgelegten Prozesse; auf mentaler Ebene bin ich sehr entspannt.

Roman left his job as a shop manager to become a deminer
Roman beendete seinen Job als Geschäftsleiter, um Minenräumer zu werden.

‍Ein normaler Arbeitstag besteht aus mehreren 50-minütigen Sitzungen, wobei verdächtige Objekte lokalisiert und folglich ausgegraben werden. Hierbei darf sich kein Teammitglied Tagträume leisten. Mittendrin auf das das Smartphone zu schauen ist ein absolutes Tabu. Telefone sind jedoch ohnehin im Arbeitsbereich verboten, da sie aufgrund ihrer elektromagnetischen Strahlung Explosionen auslösen könnten. Das gleiche gilt für Uhren: Sie können theoretisch Störungen von Metalldetektoren erzeugen.

White painted sticks indicate that the path is safe
Weisse Stöcke markieren den sicheren Weg

Auf beiden Seiten des kontaminierten Gebiets befinden sich Dörfer. «Bevor die FSD hier aktiv wurde, nahm ein Kind ein Stück Munition, das es auf diesem Feld gefunden hatte. Es spielte damit, setzte es in Brand und verletzte sich dabei», sagt Alexander, der Leiter des Entminungsteams. «Wir wollen unsere Arbeit hier sobald wie möglich abschliessen, damit die Kinder endlich wieder in Sicherheit spielen und die Bauern dieses Land zur Landwirtschaft nutzen können.»  

Wenn mit der Räumung eines neuen Gebiets begonnen wird, sind die Minenräumer oftmals ein wenig besorgt. «Man weiss nie genau, was einen erwartet, auch wenn man sich vorher gut informiert hat», sagt Stanislav. «Aber wenn man wie hier mehr als 300 Sprengsätze in einem Gebiet hat, verkommt all das natürlich ein bisschen zur Routine…»  

Igor, 32, ist erst seit wenigen Monaten in der Minenräumung tätig. An sein erstes «Fundstück» kann er sich also noch sehr gut erinnern. «Es war eine Granate – Kaliber 30mm. Ich fand sie auf einem ehemaligen Schlachtfeld. Ich war wirklich stolz! Mittlerweile kann der junge Minenräumer die unexplodierten Kampfmittel und auch die zahlreichen harmlosen Metallgegenstände, die er ausgegraben hat, gar nicht mehr zählen. «Jeder von uns hat mindestens ein altes Hufeisen ausgegraben», schmunzelt sein Kollege Stanislav.

For-Stanislav,-metal-detecting-was-a-hobby-before-it-became-his-profession
Stanislav machte sein Hobby zum Beruf

‍Die Arbeit in der Minenräumung ist sehr packend, nach Feierabend wird dabei dann auch gern mal die ganze Familie mit dem Tagesgeschehen vertraut gemacht. «Ich spreche viel darüber, ich bin so leidenschaftlich bei der Sache! Aber meine Freunde haben schön langsam genug davon», lacht Igor. Für Roman kommt es allerdings nicht in Frage, zu Hause über die Arbeit zu sprechen: «Je weniger ich mit meiner Frau darüber spreche, desto besser kann sie schlafen.»