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Improvisierte Sprengkörper: die unsichtbare Bedrohung, die auch nach dem Krieg tötet
Improvisierte Sprengkörper (IEDs) sind explosive Geräte, die nicht im Rahmen der regulären militärischen Produktion hergestellt werden, sondern aus leicht erhältlichen Materialien, darunter handelsübliche Bauteile und Alltagsgegenstände, zusammengebaut werden. Allein im Jahr 2024 forderten diese Sprengkörper in 41 Ländern 5'268 zivile Opfer.
Worum geht es genau?
Ein improvisierter Sprengkörper ist ein Gerät, das auf handwerkliche oder improvisierte Weise aus Alltagsgegenständen hergestellt wird, ausserhalb herkömmlicher kommerzieller oder militärischer Produktion. Zwar können militärische Komponenten in diese Vorrichtungen integriert sein, doch die für ihre Herstellung verwendeten Materialien stammen häufig aus handelsüblichen Produkten. Dazu können industrielle oder gewerbliche Chemikalien und landwirtschaftliche Düngemittel gehören, die als Grundlage für Sprengladungen dienen, sowie einfache elektrische Haushaltskomponenten und beliebige geeignete, umfunktionierte Behälter. Die englische Abkürzung IED (Improvised Explosive Device) ist der international gebräuchliche Begriff.
In der Regel werden IEDs von nichtstaatlichen Akteuren benutzt und können auf verschiedene Weise eingesetzt werden. Einige davon werden auch als improvisierte oder handgefertigte Minen bezeichnet, wenn ihre Bauweise oder Funktion derjenigen herkömmlicher militärischer Landminen ähnelt, die als Fussgänger- oder Fahrzeughindernisse eingesetzt werden.
Warum stellen diese Sprengkörper ein grosses Problem dar?
Konventionelle Minen und Sprengkörper, die nach standardisierten Spezifikationen hergestellt werden, verfügen über bekannte Auslösemechanismen. Dadurch können Minenräumer·innen die Gefahr eindeutig erkennen, bevor sie die Sprengkörper entschärfen. Zudem haben herkömmliche Minen und Waffen begrenzte und bekannte Einsatzmöglichkeiten sowie Betriebsparameter, die nach bestimmten Methoden eingesetzt werden. Bei improvisierten Sprengkörpern geht diese Vorhersehbarkeit jedoch verloren. Jedes Gerät ist unvorhersehbar, und der Zünd- oder Auslösemechanismus, die verwendeten Sprengstoffe sowie die eingesetzten Komponenten können zu Tausenden von unbekannten Variationen hinsichtlich ihrer Funktionsweise und Wirkung führen. Form, Grösse, Materialien und Auslösemechanismus variieren von Hersteller zu Hersteller und sogar von Sprenggerät zu Sprenggerät.
Im Irak beispielsweise stellte der sogenannte Islamische Staat Hunderttausende von improvisierten Sprengkörpern her und verlegte sie in Verteidigungsgürteln als improvisierte Minenfelder. Die Sprengsätze wurden auf der Basis von landwirtschaftlichen Düngemitteln hergestellt, mit einfachen 9-Volt-Batterien betrieben und in Kanistern, Plastikbehältern für Palmöl oder schweren Metallgehäusen, die so konstruiert waren, dass sie Splitterwirkungen erzeugten, verpackt. Einige dieser Sprengkörper wurden so konzipiert, dass ihr Metallanteil auf ein Minimum reduziert ist, sodass sie mit herkömmlichen Metalldetektoren nicht aufgespürt werden können.

Solange diese Gefahren nicht beseitigt sind, bleiben grosse, mit Sprengstoffen übersäte Gebiete unzugänglich. Vertriebenen Familien ist eine Rückkehr in ihre Heimat nicht möglich. Landwirtschaftliche Flächen können nicht bewirtschaftet werden. Schulen, Krankenhäuser und Strassen sind weiterhin mit Sprengstoffen verseucht. Die menschlichen Folgen halten noch lange nach dem Ende der Kampfhandlungen an.
Anatomie eines improvisierten Sprengkörpers
Trotz ihrer Vielfalt basieren improvisierte Sprengkörper in der Regel auf fünf grundlegenden Komponenten: einer Sprengladung, einem Primärsprengstoff und/oder einem Zünder, einem Auslösemechanismus (Schalter), einer Energiequelle und einem Behälter. Was variiert, ist die Beschaffenheit dieser Elemente und ihre Zusammensetzung.
Einige Vorrichtungen sind sehr einfach aufgebaut: Eine an einem Holzsockel befestigte Druckplatte, die über eine Batterie mit einem Zünder und einer Hauptladung verbunden ist, kann bereits ausreichen. Ein Tritt darauf genügt, um die Explosion auszulösen, ohne dass das Opfer dies bemerkt. Andere Systeme sind komplexer und können aus der Ferne per Mobiltelefon, Fernbedienung oder Zeitschaltuhren aktiviert werden. Gerade diese Vielfalt erschwert die Räumung von improvisierten Sprengkörpern erheblich.
Ihr Erscheinungsbild kann völlig harmlos wirken. In manchen Konfliktgebieten wurden improvisierte Sprengkörper in Spielzeugen, Haushaltsgeräten, unter Türschwellen oder in der Vegetation versteckt. Diese Fähigkeit, sich in die alltägliche Umgebung einzufügen, macht sie zu einer besonders heimtückischen Bedrohung. Nicht nur die Bauweise des Sprengkörpers bestimmt das Risiko, das von einem IED ausgeht, sondern auch das beabsichtigte Ziel und die Art der Platzierung tragen zur Komplexität der Bedrohung bei.

Wie neutralisieren Minenräumer·innen diese Sprengkörper?
Bei improvisierten Sprengkörpern reichen die üblichen Räumverfahren nicht aus. Zunächst ist stets eine umfassende Einschätzung der Situation erforderlich. Dabei werden die örtlichen Gegebenheiten, das mögliche Ziel, die Grösse und Eigenschaften des Sprengkörpers sowie sein genauer Standort berücksichtigt. Bevor weitere Massnahmen ergriffen werden, muss seine Funktionsweise so gut wie möglich verstanden werden. Welche Art von Zündsystem wird verwendet? Wie ist die Sprengladung aufgebaut und welche Wirkung hat sie? Wo befinden sich die einzelnen Komponenten genau?
Einige improvisierte Sprengkörper sind zudem mit zusätzlichen Auslösemechanismen oder Manipulationsschutzvorrichtungen ausgestattet, die darauf abzielen, die Minenräumer·innen zu gefährden. Deshalb müssen sie äusserst vorsichtig vorgehen und auf verschiedene mögliche Situationen vorbereitet sein. Für die sichere Beseitigung von improvisierten Sprengkörpern ist eine spezielle Ausbildung erforderlich. Oft ist zudem eine enge Zusammenarbeit verschiedener Akteure notwendig, etwa bei der Sicherung des Einsatzortes, der Einschätzung der Gefahren, medizinischen Notfallmassnahmen sowie bei Absperrungen und Evakuierungen.
Bei der Beseitigung von IEDs hat der Schutz von Menschenleben stets oberste Priorität, gefolgt vom Schutz der Infrastruktur. Erst danach geht es um die Sicherung von Beweismitteln, die forensische Untersuchung und die Wiederherstellung der Normalität. Die Philosophie hinter diesem Ansatz besteht stets darin, für alle Massnahmen ferngesteuerte Werkzeuge und Mittel (ferngesteuerte Fahrzeuge/Plattformen) sowie halbferngesteuerte Mittel (beispielsweise Seile, Flaschenzüge und Befestigungsvorrichtungen) einzusetzen. Eine manuelle Handhabung wird vermieden und ist nur in kritischen Notfallsituationen vorgesehen, in denen Menschenleben unmittelbar gefährdet sind.
Improvisierte Sprengkörper werden häufig aus der Ferne von den Personen überwacht, die sie gelegt haben. So können diese verfolgen, wie die beabsichtigten Ziele reagieren und wie die Entschärfung durchgeführt wird. In nicht kooperativen Umgebungen sind deshalb zusätzliche Massnahmen erforderlich, um vorhersehbare Abläufe und Entschärfungsmethoden zu vermeiden. Dazu kann gehören, auf Videoaufnahmen zu verzichten und Informationen über Entschärfungsverfahren und -methoden nicht zu veröffentlichen. Dies gefährdet letztendlich die Sicherheit dieser Entschärfungsexpert·innen.
Entdecken Sie Drohnenaufnahmen aus dem Irak
Ein internationaler Rahmen für die Einsätze
Es gibt keine einheitliche operative Vorgehensweise, die für alle improvisierten Sprengkörper geeignet ist. Die erforderlichen Fähigkeiten, um sicher mit einem improvisierten Sprengkörper umzugehen, hängen von dessen Art und Komplexität, dem allgemeinen Bedrohungskontext sowie den Umständen, unter denen er gefunden wird, ab.
Für Minenräumorganisationen bieten die Internationalen Minenräumstandards (IMAS), einschliesslich IMAS 09.31 zur Beseitigung improvisierter Sprengkörper (IEDD), einen wichtigen internationalen Rahmen für solche Aktivitäten. Sie legen Anforderungen und Leitlinien unter anderem für die organisatorische Verantwortung, die Kompetenz und Ausbildung des Personals, die Ausrüstung, die Akkreditierung und das Qualitätsmanagement fest. Die IMAS unterstützen die Entwicklung nationaler Standards und organisationsspezifischer Verfahren, die den jeweiligen Bedrohungen und Einsatzkontexten angemessen sind.
Die Komplexität der Bedrohung durch improvisierte Sprengkörper kann stark variieren. Einsätze in einem stabilen Umfeld nach einem Konflikt, bei denen zurückgelassene Sprengkörper beseitigt werden, unterscheiden sich grundlegend von Einsätzen in einem aktiven oder feindlichen Bedrohungsumfeld. Die angemessene Reaktion muss stets auf der Grundlage einer gründlichen Bedrohungsanalyse festgelegt werden. Anschliessend werden Personal, Ausrüstung und Verfahren eingesetzt, die der Bedrohung angemessen sind. Wenn ein Sprengkörper oder eine Situation die von einer Organisation eingeschätzten und genehmigten Fähigkeiten übersteigt, besteht die angemessene Reaktion nicht darin, weiterzumachen. Stattdessen muss der Einsatz abgebrochen und die Aufgabe an eine entsprechend qualifizierte und ausgerüstete Stelle übergeben werden.
Die FSD beseitigt improvisierte Sprengkörper ausschliesslich innerhalb klar definierter operativer Parameter. Ihre Verfahren, Schulungen, Aufsichts- und Qualitätsmanagementmassnahmen sind an die Bedrohungen und Umgebungen angepasst, in denen ihre Teams zum Einsatz berechtigt sind. Alle Aktivitäten werden gemäss den geltenden nationalen Anforderungen und Akkreditierungsregelungen durchgeführt. Zwar bilden internationale Standards eine wichtige Grundlage und einen Referenzrahmen, doch hängt die Sicherheit bei der Beseitigung improvisierter Sprengkörper letztlich davon ab, dass Bedrohung, Einsatzumgebung, Kompetenz des Personals, Ausrüstung und Verfahren auf die jeweilige Aufgabe abgestimmt sind.
Der vollständige IMAS 09.31 Standard ist auf mineactionstandards.org einsehbar.
Das Ausmass des Problems in Zahlen
Die Daten des Explosive Violence Monitor zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Im Jahr 2024 wurden in 41 Ländern improvisierte Sprengkörper registriert, die 5’828 zivile Opfer forderten. Diese Zahlen spiegeln die tatsächliche Lage jedoch wahrscheinlich nicht in vollem Umfang wider, da in Konfliktgebieten viele Opfer nicht erfasst werden und einige Regionen für Untersuchungsteams nach wie vor unzugänglich sind.
Auf einen Blick
41
Länder, in denen im Jahr 2024 Unfälle im Zusammenhang mit improvisierten Sprengkörpern verzeichnet wurden
5’268
zivile Opfer durch improvisierte Sprengkörper im Jahr 2024
+25’800
improvisierte Sprengkörper, die seit 2016 von der FSD im Irak aufgespürt und zerstört wurden
Was die FSD unternimmt
Der Irak ist der Hauptkontext, in dem die FSD mit improvisierten Minen konfrontiert ist. Seit 2016 haben die speziell für diese Bedrohung ausgebildeten Minenräumer·innen der FSD landesweit mehr als 25’800 solcher Sprengkörper aufgespürt und entschärft.
Was ist der Unterschied zwischen einer herkömmlichen Antipersonenmine und einem improvisierten Sprengkörper?
Eine konventionelle Mine wird industriell nach militärischen Standards produziert. Ein improvisierter Sprengkörper wird von Hand aus wiederverwerteten Materialien hergestellt. Da sein Aussehen, seine Zusammensetzung und seine Funktionsweise unvorhersehbar sind, ist die Aufspürung und Entschärfung sehr schwierig.
Wie viele Länder sind von improvisierten Sprengkörpern betroffen?
Laut dem Explosive Violence Monitor wurden in 41 Ländern improvisierte Sprengkörper gemeldet.
Wie viel kostet die Beseitigung von improvisierten Sprengkörpern?
Die Herstellung eines improvisierten Sprengkörpers kann nur wenige Franken kosten, doch dessen Ortung und Entschärfung ist wesentlich teurer. Je nach Geländebeschaffenheit, Zugänglichkeit des Gebiets und Art des Sprengkörpers können die Kosten pro Sprengkörper zwischen mehreren hundert und mehreren tausend Franken schwanken.
Sind improvisierte Minen nach internationalem Recht verboten?
Das Ottawa-Übereinkommen verbietet improvisierte Minen, wenn sie so konstruiert sind, dass sie auf die gleiche Weise wie Antipersonenminen funktionieren. Der Einsatz anderer Arten improvisierter Sprengkörper ist ebenfalls durch das humanitäre Völkerrecht geregelt und oft verboten.
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